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es steht noch in den sternen (für p.l., denk an mich beizeiten)

Es steht noch in den Sternen.

Die im Kolonialstil flüchtig gezeichneten Häuserreihen im Zentrum dieser Stadt bleiben wohl Fassade, als hätte man sie aufgestellt, um dieser Geschichte eine Räumlichkeit zu bieten und dennoch: Ich werde das Gefühl nicht los, als hätte es so etwas in keiner anderen Stadt geben können.

Alles begann damit, wie ich mich aufs Fahrrad schwang und trampelte, als hätten mich alle guten Geister verlassen, über Kopfsteinpflaster und schlecht asphaltierte Fußwege, wie mit Hummeln und unter Starkstrom. So zogen sie an mir vorbei, die im Kolonialstil, etc. Ich atmete den Fahrtwind ein, und dachte: Gut geht’s mir, die Sonne scheint, das Fahrrad fährt sich quasi von alleine, durch die Straßen und ich atme Fahrtwind ein.

Berlin ist seit jeher als hässliche Stadt bekannt. Die Perle an der Spree zeichnet sich nunmal durch andere Auszeichnungen aus, sie beweist ihren Charme mit anderen Charmebeweisen und sticht eben mit anderen Merkmalen hervor. So zum Beispiel seine Menschen. Obwohl, naja, Berliner sind dreckig, sie stinken sogar meistens und wirklich nett ist die Berliner Art auch nicht. Aber man achtet aufeinander, zumindest ab und an. Vielleicht ist es auch das kulturelle Angebot, dass in seiner Hülle und Fülle gar nicht aufzunehmen ist, so viel Kultur gibt es in Berlin, Kultur von der man meist gar nicht weiß, ob man sie wollte.

So hing ich also so übers-Fahrrad-geschwungen auf Halbmast im Sattel und trampelte wie ein Verrückter vorbei an Kolonial, Charme, Kultur, usw. und die Spree glitzerte und zauselte ihre Strähnen blitzlichtgewittrig und ich staunte und wurde geblendet und freute mich, denn es war alles gut, wie ich hier so den Fahrtwind einatmete.

Bis ich zurückdachte an den Grund meiner Reise (von einer REISE lässt sich hier kaum sprechen, also spreche ich von einer Reise, denn weit war es nicht, ich verließ im Grunde genommen nicht mal mein Kiez, aber ich bewegte mich doch fort und also reiste ich, aber nicht weiter als gewöhnlich zum Friseur o.ä.). Ich reiste also nicht des Reisens willen, des schönen Wetters, der Reflexionen der Strahlen der Spree auf meinen strammen Waden, nicht wegen der Ausdauer und des Fahrtwinds, sondern weil ich dich überraschen wollte. Jetzt, wo du das liest, wirst du überrascht sein, doch das war nicht die Überraschung, auf die ich aus war, vielmehr ging es darum, dich einzuholen, ohne dass du es bemerkst.

Wie genau?

Genau so:

Mein Plan war es, als du mein Haus verlassen hattest, meinen Helm überzustreifen und über den Hinterausgang mit meinem Fahrrad die Pücklerstraße entlangzubrausen, ja, brausen, weil ich wusste, dass du über die Köpenicker nach Hause laufen würdest. Also ich: Pücklerstraße, dann links Wrangelstr., Schlesisches Tor und zack: Heckmannufer.

Warum genau?

Genau deshalb:

Es steht noch in den Sternen, das mit uns.

Ich mag es fest machen. Festzurren, es zu Ende bringen, mich in Sicherheit wiegen können, usf. Ich bin nur ein einfacher Mann und weiß nicht, was Liebe ist, aber ich weiß, dass ich mich wiegen mag, in der Sonne, an der Spree im Fahrtwind, am liebsten mit dir. Auf Zukunft vergewissert den Kolonialstil bestaunen, dachte ich so, auf Halbmast in Berlin hängend.

Ich zitterte wie Espenlaub, so sagt man ja, als ich in die Wrangelstraße einbog. Noch kurz zuvor hatte ich etwas wie die Komplexität aller Dinge umgangen und mich aller Formalitäten entledigt. Ich war. Um mehr ging es nicht, schneller hätte ich noch sein können, aber es ging. Ich meine, schneller als du wäre ich in jedem Fall, sollte nichts dazwischenkommen, kein Unfall, eine Unterbrechung, das Treffen eines Bekannten, dergleichen dazwischenkommen. Ja, wie ich brauste! Es war ein gutes Gefühl, irgendwie Dopamine, Glücksgefühle, wie der Volksmund so sagt, ja, kann man durchaus so sagen, wie sie einen nur überfallen, wenn man im Zuge ist, jemanden zu überraschen. Erregt war ich auch, erregt bezüglich der Tatsache, es jetzt festmachen zu können mit dir, mit uns und ich trampelte und brauste und war. Um mich herum Kolonialstil und Spätkäufe, ein Paar, das sich stützt, hier ein Kinderwagen, ein Pfandsammler, dort. Sympathisch, das war Berlin, der Ausdruck, den ich gesucht hatte, als ich sagte, Berlin wäre schön, nicht wie ein Mensch, oder doch schon, aber nicht so impulsiv, gleichbleibend monoton in seiner gutmütigen Simplizität. Hach, wie es mich beflügelt, ich bin aufgeregt und vorfreudig und sogar Berlin kommt mir heute irgendwie – ja – empfänglicher vor.

Es ist ein Gefühl, das mich überkommt, ähnlich dem Gefühl, das Besitz von jemandem begreift, wenn er auf Familienfeiern bemerkt, dass ihn das übermäßige Stopfen der Lebensmittel anwidert. Die ganze Familie widert einen an, bei wem es sich anders fügt, der darf sich oberflächlicherweise glücklich schätzen, ich würde sagen: Er hat keinen Verstand. Zu streng möchte ich nicht sein, auch ich möchte Familie haben, wenn die Zeit sich anders fügt, es gibt widerlichere Dinge als die Treffen zum Abspulen monotoner Bekundungen. Zum Beispiel wurde ich letztens Zeuge einer Herzlosigkeit. Nicht, dass das im Berlin der Neuzeit ein erwähnenswertes Spektakel wäre, aber jetzt wo die Spree so funkelt und ich so trampele, wird mein Hirn mit Sauerstoff versorgt, das ich für Herzlichkeit verbrauche. Ironie des Schicksals. Wie auch immer, wo war ich?, Herzlosigkeit. Sie beginnt am Bahnhof. Ein wirklich verliebtes Paar muss man sich vorstellen, sie hatte eine Reisetasche dabei, er hatte sie wie ein Gepäckstück dabei und führte sie ans Gleis, wir standen gemeinsam – ich: Der unsichtbare Dritte, in einem Dreieck der Nähe – wir wussten doch: wir würden alle in den selben Zug einsteigen. Als er dann einfuhr und zum Stehen kam, standen wir uns am Gleis gegenüber – man hält die Tür sogar in Berlin frei – und er sah sie verliebt an, wie ich selten jemanden habe verliebt gucken sehen. Höchstens im Ruhrgebiet.

Er sah sie an und lächelte, er fuhr ihr über die Schulter, das widerte mich auch schon auf eine obskure Art und Weise an, aber es passierte nunmal, erwähnte ich, dass es nieselte?

So will ich niemals enden, so enden Familienfeiern, es steht noch aus, dass ich alt werde, also lasst mich jung sein und träumen und haltet – verdammt nochmal – den Fahrradweg frei. Ich komme.

Ich mag das immer nicht, hattest du gesagt. Ich musste lachen, du hattest mich nicht verstanden. Nicht verstanden ist zu hart gesprochen, du hattest es höchstens geahnt, naja, geahnt hattest du es schon, aber du wusstest es nicht. Du warst nicht in der Materie wie ich und mit Materie meine ich meine Gedanken. Ich stand also da, lachend, im Nieselregen, als ich ankam, vor dem Bahnhof und du hattest etwas gesagt, dass mich dazu brachte, so zu stehen und dir anzusehen, dass du es ahnst, aber es eben nicht weißt. Du allerdings warst schlagfertiger und brachtest meine Fingerspitzen in Wallungen, als du mein Lachen erwidertest. Jetzt steht es hier in Buchstaben und mein Lachen verstummt, während der Tropfen auf meinen Wangen mäandert, fällt und zack –

Das warst du. Sentimental und romanhaft, wie wir beide durch die Welt streiften, auf Halbmast segelten wir so durch die Sätze und ich sah dich an und du erklärtest, ich schwieg und es wurde eine Passage in der Exposition der seltsamen Einfachheit unserer Liebe. Hach, die Liebe, ich möchte gar nicht über sie schreiben, aber ich glaube, Liebe ist die beste Beschreibung für eine Fahrradfahrt an der Spree entlang, abgebogen, weitergefahren, man lässt die Gedanken so schweifen, ist, auf Reisen, auf Halbmast, durchs All, wo es irgendwo steht, das mit uns, ich greife es – deine Türklinke, das mit uns – komme ins Wanken und falle. Tiefer und tiefer, in ewigen Dimensionen, die Kacheln im Flur, Berlin ist so empfänglich für Kitsch, hoch und die Klingel, tiefer falle ich und schon merke ich, wie du aus einem anderen Orbit in meinen Horizont klatschst und da pappen wir beide und schon, im Liebestanz der Hummeln, sind wir im Kolonialstil festgezurrte Zukunft.

Wow, so schön hatte ich mir das gar nicht vorgestellt.

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