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HOW LOVE COULD BE

Lange Zeit dachte ich, das Einfachste der Welt sei es, Menschen mit Respekt zu begegnen. Bis zu dem Tag, an dem ich meinen Freunden erzählte, dass ich ins Ruhrgebiet ziehen würde, freiwillig, nach Bochum oder ins schwarze Paris wie der Bochumer sagt. Und mit Bochumer meine ich niemand.

Ich ziehe ins Ruhrgebiet“, sagte ich.
„Was willst du denn da? Das ist doch superdreckig“, sagte meine Mutter und zündete sich eine Zigarette an.
„Ich weiß nicht“, antwortete ich, „Wenn man in einem Nazi-Vorort von Wuppertal groß wird, für den die Spitze der Ästhetik Remscheid ist, könnte das Ruhrgebiet der Kurort sein, nachdem man sich sein ganzes Leben lang gesehnt hat.“
„Na gut“, sagte meine Mutter und zündete sich eine zweite Zigarette an, die sie nun parallel mit der Ersten rauchte, „aber nicht nach Köln, ja?“

Bochum war der perfekte Kompromiss. Dortmund war mir zu groß, zu glatzköpfig und Springerstiefel-behangen. Duisburg hätte keine wirkliche Veränderung der Situation dargestellt und Herne? Ja, Herne ist halt auch da. Bochum hat etwa 500.000 Einwohner, alte Reliquien der Industrie, wie ein halb abgetragenes Opelwerk und eine Partymeile, die zurecht Bermuda-Dreieck genannt wird, nämlich weil es ein Wunder ist, die Straße zu durchqueren ohne von einem Junggesellinnenabschied begrapscht zu werden. Ich habe schon einige Freunde dort verloren, denn diese Junggesellinen sind wie Haie: Gefährlich, sehr sehr weiß und sie bestehen zu 95% aus Gebiss.

Es faszinierte mich, dass es im Ruhrgebiet Stadtteile gibt, die entweder nach den Geräuschen ihrer Einwohner benannt sind, wie Grumme, Hamme und Hofstede oder klingen wie eine undefinierbare Hautkrankenheit, wie Wattenscheid oder die Speckschweiz. Wie genau eine Speckschweiz aussieht, kann ich euch nicht sagen, aber ich verrate euch, dass in meiner Fantasie männliche Brüste zu einem nicht unbedeutenden Teil aus Käse bestehen.

Doch die Speckschweiz ist in Wahrheit eine Augenweide. Schon meine Mutter sagte, als sie mich das erste Mal besuchen kam: „Das ist ja wie Paris hier! Nur trauriger.“ Es gibt einen riesigen Stadtpark, Bäume wie es Kohle gab und Altbauten, in denen Wespen wohnen, die schon nach wenigen Tagen vollkommen verrußt wieder aus ihren Ritzen fallen.

Es gibt auch den liebenswerten jungen Mann, der einen am Hauptbahnhof fragt, ob man Kleingeld für ihn hätte. Gibt man ihm nichts oder zu wenig, macht er einen höflich darauf aufmerksam, dass man ja auch sehr fett sei und eben auch kein Kleingeld für die Bedürftigen habe, wenn man die ganze Zeit nur fressen würde.

So sind sie im Ruhrgebiet, immer nett und zuvorkommend. Also oft, regelmäßig, manchmal. Ja, gut, selten mit der Tendenz zu Nie. Doch da ist Bochum dank erfolgreicher Gentrifizierung noch das geringste Übel. Wir haben sogar vegane Restaurants, ein renommiertes Schauspielhaus und ein hippes Viertel mit dem Namen Ehrenfeld. „Guck Mama“, habe ich gesagt und auf die Butterbrot-Bar gezeigt, „genau wie in Köln“. „Ja“, hat sie gesagt, „nur ohne Köln.“

Ich versuche das zu beschreiben. Man muss sich das in etwa so vorstellen: Wenn Köln das Auenland ist, dann ist Solingen Mordor. Was hauptsächlich daran liegt, dass dort alle Menschen aussehen wie Orks. Und ich als Frodo Beutlin habe da schlechte Karten. Auch wenn ich mehr Haare auf den Füße habe als er. Hmn.

Nein, die Liebe ist unter der harten Oberfläche unendlich groß. Wir sitzen alle im selben Boot und wir ziehen alle am selben Strang. Es muss, wa? Ich meine, das Romantischste, was ich je in meinem Leben sehen durfte, habe ich am Bochumer Hauptbahnhof erlebt. Ein Pärchen stand am Bahngleis und lächelte sich an. Er trug ihre Tasche und als der Zug dann einfuhr, drehte er sich um, schaute ihr verliebt in die Augen und sagte: „Joa. Ne. Dann. Schüss.“ Das war noch romantischer als damals, als Melisa zu mir gesagt hatte, ich würde sie anfassen wie einen Tennisball.

Es bewegt sich irgendwie alles zwischen Trinkhalle und Imbissbude, zwischen How Love Could Be und Beton brennt doch, einem Graffiti der Ruhr-Universität nach zu urteilen. Man sieht, die Universität sieht nicht nur aus wie die DDR sich angefühlt haben muss und hat die höchste Selbstmordrate aller Unis des Landes, sondern man lehrt den Studenten sogar experimentelle physikalische Forschung. Ich frage mich, wie das ausgesehen haben muss: „Kumma, Wolle, kumma! Beton brennt doch, wa!“

Auch der Bürgermeister, der sich mir kurz nach meinem Umzug auf der Straße vorgestellt hatte, schien experimentierfreudig zu sein.
Er rief: „Ich bin der Oberbürgermeister von Bochum.“
Ich dachte: „Oh, hallo!“
Er rief: „Und ich sage euch!“
Ich dachte: „Ja?“
„Wahrlich, ich sage euch! Ich kotz mir in den Mund!“
„Oh.“
„Wahrlich, Ich kotz alles voll.“
„Üah.“
„Und weiterhin: Alle machen die Beine breit, auch die Männer!“
„Auch die Männer?“
„Auch die Männer!“
Am nächsten Tag googlete ich den Bürgermeister Bochums und fand heraus, dass Bochum zu dem Zeitpunkt eine Bürgermeisterin hatte. Er hatte mich also kackendreist angelogen.

Aber egal, ob Verrückte, Eingefleischte oder Neuankömmlinge. Das Wunderbare am Ruhrgebiet ist, dass wirklich jeder willkommen ist. Es ist egal, wo du herkommst, wer du bist, was du machst. Wenn du im Herzen gut bist, wird dir Gutes widerfahren. Ein Kollege von mir, Jay Nightwind, hat mal in einem Text gesagt: „Unsere Herzen sind aus Kohle. Schmutzig, aber leicht zu entfachen.“ Ich sage: „Gib mir ein Streichholz und den richtigen Wind und das Feuer der Liebe wird auch über dich kommen.“ Okay, nein, das sage ich nicht. Aber das gesamte Ruhrgebiet ist ein Ort der Einkehr, ein Ort der Ereignisse und auch ein kleines Stückchen schwarzes Paris. Wie der Bochumer halt eben so sagt. Und mit Bochumer meine ich mich.

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So jung kommen wir nicht mehr zusammen

Piep. Mitten in der Nacht schrecke ich hoch. Piep. Ein Geräusch, das ich so nicht kenne, – piep – lässt mich aus dem Schlaf fahren. Erst ist es nur ein – RRR – harmloses Piepen. Dann – RRR – fängt es an zu RRRattern. Na, immerhin tue ich es für einen guten Zweck.

Manchmal verlieren Menschen, wenn sie älter werden, das Gefühl für Worte. Sie kommen nicht hinterher und wer will es ihnen verübeln? Bei all den Anglizismen und Neologismen weiß selbst ich manchmal nicht, wo ich stehe oder ob ich eigentlich sagen müsste, dass ich mein standing nicht acknowledgen kann. Dementsprechend kann ich mir wohl kaum etwas Schrägeres vorstellen als meinen Großvater, der mir eine Ghettofaust gibt, während er „Nice, Alter!“ sagt, weil ich ihm erzähle, dass ich eine Gemüsesuppe für ihn gekocht hätte. Er gefiel mir gut, wie er grummelnd am Tisch saß und die Kartoffeln noch Erdäpfel nannte.

So generell mag ich altbackene Sprüche ja. Sie versuchen nicht, eine Tatsache zu umschreiben, sondern sagen, wie es ist. Am meisten mochte ich dabei immer das Sprichwort: „So jung kommen wir nicht mehr zusammen.“ Ein Totschlagargument.

Immer wenn mein Vater mich mit zu seinem Skatklub nahm und ein älterer Herr das als Trinkspruch zu mir gesagt hatte, wusste ich nicht, ob er seiner Jugend hinterhertrauerte oder dem Tod sogar schon ins Auge sah. Da mich diese Situationen meist überforderten, hatte ich mir angewöhnt, als einzige Antwort darauf zu entgegnen: „Na, einige sagen so. Andere sagen so.“ Oft wussten diese betagten Männer dann, dass ich eigentlich einer von ihnen war, leider im falschen Körper und fünfzig Jahre zu spät geboren, aber dennoch klopften sie mir oft auf die Schulter und sagten so etwas wie „Guter Junge“ oder „Na also“, was wohl der Ghettofaust und dem „Nice, Alter“ ihrer Generation entsprach.

Traurig wird es erst, wenn man sich selbst dabei ertappt, gewisse Wendungen nicht zu kennen. Es wäre ein Fauxpas, ein absolutes No-Go, in einer Gruppe aus jungen Menschen zu fragen, was sie eigentlich meinen, wenn sie sagen, dass Sascha ein Whacko ist und überhaupt nicht real. Eher lächelt man vorsichtig mit, lacht kurz auf und googlet dann Zuhause nach, dass Sascha ein qualitativ minderwertiger Mensch ist und überhaupt total affektiert. Das kann einem bei älteren Menschen genauso passieren. Letztens sagte jemand nach einem Slam zu mir, dass ich schon noch jovial wäre, meine Texte dafür rhetorisch umso progressiver. Ich lächelte vorsichtig mit, lachte kurz auf und als ich später zuhause rhetorisch googlete, stand noch Whacko in der Kopfleiste meiner Suchmaschine.

Der Spagat ist riesig. Wenn man sich gegen moderne Wendungen wehrt, ist man ein Konservativer, ein Sprachnazi wird man genannt, der die natürliche Entwicklung einer Sprache nicht anerkennt. Doch wenn man sich nur noch in neuen Wendungen ausdrückt, werden die alternden Menschen irgendwann nicht mehr hinterherkommen, sie werden sich überhaupt nicht mehr mit den jüngeren Menschen unterhalten wollen und hätten das Gefühl, man verstehe sie nur noch in ihrem Bingoverein, im Tabakladen und auf 3Sat.

Das wäre ein fataler Einschnitt in die Entwicklung der Gesellschaft. Wo sollen die jungen Generationen ‚Lebensweisheit‘ aufnehmen? Wer erklärt ihnen, was für ein toller Mensch Dieter Hildebrandt eigentlich war und wer schenkt ihnen Jazzplatten aus den 20er Jahren? Wer sagt jetzt noch, dass früher alles besser war und erinnert dabei an so wichtige Erfindungen wie die Spitzendecke, die Minidisk und das Faxgerät?

Nein, im Ernst. Es wäre schade um Gedankengut und Ideen, Weisheit und Tugenden. Deswegen sage ich manchmal noch, dass ich gerne ein Dutzend Brötchen hätte, dass ich es fabulös finde, wie die Sause ihren Zenith erreicht und dass wir so jung halt einfach nicht mehr zusammenkämen. Jeder Abschnitt einer Geschichte ist wichtig und so haben die Generationen vor uns die Sprache genauso verändert, wie wir es jetzt tun. Sie haben den „Dummkopf“ salonfähig gemacht und trauten sich, ihren Chef sogar Idiot zu nennen. Das war damals schon exorbitant oder krass.

Mein Vater hat sich jetzt ein Faxgerät gekauft. Er meinte, es wäre an der Zeit, sich der modernen Technik zu stellen und sich ein Faxgerät zu kaufen, doch er vergaß dabei, dass spätestens seit der Jahrtausendwende kein Mensch mehr faxt. Weil man gute Mühen aber ja mit Zuspruch belohnen muss, habe ich leicht gelächelt und heftig genickt, als er mich fragte, ob ich ihm zurückschreiben würde, wenn er sich ein modernes Computergerät zum Verschicken von Briefen zulegen würde. Ich dachte dabei an einen Computer und E-Mail-Postfach, doch es wurde ein Faxgerät und der Verkäufer im Laden hatte ihm versichert, es wäre das Beste und Neueste auf dem Markt und würde den Preis von 400 Euro auch absolut rechtfertigen.

Was meine Faxnummer wäre, fragte er mich. Ich hätte keine Ahnung, sagte ich und googlete später zuhause nach Faxgeräten. Natürlich kam ich nicht drumrum, mir auch eins zu besorgen, dass jetzt in meinem WG-Zimmer steht. Jetzt schrecke ich mitten in der Nacht oft hoch. Piep. Ein Geräusch, das ich so nicht kenne, – piep – lässt mich aus dem Schlaf fahren. Erst ist es nur ein – RRR – harmloses Piepen. Dann – RRR – fängt es an zu RRRattern. Bis die gesamte – RRR – WG wach ist. Meine Mitbewohnerin wurde auch geweckt, kommt rüber und zieht den Stecker. „Nicht cool, Alter“, sagt sie. „Na, immerhin tue ich es für einen guten Zweck“, sage ich und gebe ihr eine Ghettofaust.