es steht im kanal wie es rauscht

wie es pendelt im gleichschritt der tanz

eines storches mit knoten im hals wie

träge kreist brack um vielerlei strandgut on

repeat was bleibt wenn ich schweige

was bleibt wenn ich das gefühl nicht los –

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HOW LOVE COULD BE

Lange Zeit dachte ich, das Einfachste der Welt sei es, Menschen mit Respekt zu begegnen. Bis zu dem Tag, an dem ich meinen Freunden erzählte, dass ich ins Ruhrgebiet ziehen würde, freiwillig, nach Bochum oder ins schwarze Paris wie der Bochumer sagt. Und mit Bochumer meine ich niemand.

Ich ziehe ins Ruhrgebiet“, sagte ich.
„Was willst du denn da? Das ist doch superdreckig“, sagte meine Mutter und zündete sich eine Zigarette an.
„Ich weiß nicht“, antwortete ich, „Wenn man in einem Nazi-Vorort von Wuppertal groß wird, für den die Spitze der Ästhetik Remscheid ist, könnte das Ruhrgebiet der Kurort sein, nachdem man sich sein ganzes Leben lang gesehnt hat.“
„Na gut“, sagte meine Mutter und zündete sich eine zweite Zigarette an, die sie nun parallel mit der Ersten rauchte, „aber nicht nach Köln, ja?“

Bochum war der perfekte Kompromiss. Dortmund war mir zu groß, zu glatzköpfig und Springerstiefel-behangen. Duisburg hätte keine wirkliche Veränderung der Situation dargestellt und Herne? Ja, Herne ist halt auch da. Bochum hat etwa 500.000 Einwohner, alte Reliquien der Industrie, wie ein halb abgetragenes Opelwerk und eine Partymeile, die zurecht Bermuda-Dreieck genannt wird, nämlich weil es ein Wunder ist, die Straße zu durchqueren ohne von einem Junggesellinnenabschied begrapscht zu werden. Ich habe schon einige Freunde dort verloren, denn diese Junggesellinen sind wie Haie: Gefährlich, sehr sehr weiß und sie bestehen zu 95% aus Gebiss.

Es faszinierte mich, dass es im Ruhrgebiet Stadtteile gibt, die entweder nach den Geräuschen ihrer Einwohner benannt sind, wie Grumme, Hamme und Hofstede oder klingen wie eine undefinierbare Hautkrankenheit, wie Wattenscheid oder die Speckschweiz. Wie genau eine Speckschweiz aussieht, kann ich euch nicht sagen, aber ich verrate euch, dass in meiner Fantasie männliche Brüste zu einem nicht unbedeutenden Teil aus Käse bestehen.

Doch die Speckschweiz ist in Wahrheit eine Augenweide. Schon meine Mutter sagte, als sie mich das erste Mal besuchen kam: „Das ist ja wie Paris hier! Nur trauriger.“ Es gibt einen riesigen Stadtpark, Bäume wie es Kohle gab und Altbauten, in denen Wespen wohnen, die schon nach wenigen Tagen vollkommen verrußt wieder aus ihren Ritzen fallen.

Es gibt auch den liebenswerten jungen Mann, der einen am Hauptbahnhof fragt, ob man Kleingeld für ihn hätte. Gibt man ihm nichts oder zu wenig, macht er einen höflich darauf aufmerksam, dass man ja auch sehr fett sei und eben auch kein Kleingeld für die Bedürftigen habe, wenn man die ganze Zeit nur fressen würde.

So sind sie im Ruhrgebiet, immer nett und zuvorkommend. Also oft, regelmäßig, manchmal. Ja, gut, selten mit der Tendenz zu Nie. Doch da ist Bochum dank erfolgreicher Gentrifizierung noch das geringste Übel. Wir haben sogar vegane Restaurants, ein renommiertes Schauspielhaus und ein hippes Viertel mit dem Namen Ehrenfeld. „Guck Mama“, habe ich gesagt und auf die Butterbrot-Bar gezeigt, „genau wie in Köln“. „Ja“, hat sie gesagt, „nur ohne Köln.“

Ich versuche das zu beschreiben. Man muss sich das in etwa so vorstellen: Wenn Köln das Auenland ist, dann ist Solingen Mordor. Was hauptsächlich daran liegt, dass dort alle Menschen aussehen wie Orks. Und ich als Frodo Beutlin habe da schlechte Karten. Auch wenn ich mehr Haare auf den Füße habe als er. Hmn.

Nein, die Liebe ist unter der harten Oberfläche unendlich groß. Wir sitzen alle im selben Boot und wir ziehen alle am selben Strang. Es muss, wa? Ich meine, das Romantischste, was ich je in meinem Leben sehen durfte, habe ich am Bochumer Hauptbahnhof erlebt. Ein Pärchen stand am Bahngleis und lächelte sich an. Er trug ihre Tasche und als der Zug dann einfuhr, drehte er sich um, schaute ihr verliebt in die Augen und sagte: „Joa. Ne. Dann. Schüss.“ Das war noch romantischer als damals, als Melisa zu mir gesagt hatte, ich würde sie anfassen wie einen Tennisball.

Es bewegt sich irgendwie alles zwischen Trinkhalle und Imbissbude, zwischen How Love Could Be und Beton brennt doch, einem Graffiti der Ruhr-Universität nach zu urteilen. Man sieht, die Universität sieht nicht nur aus wie die DDR sich angefühlt haben muss und hat die höchste Selbstmordrate aller Unis des Landes, sondern man lehrt den Studenten sogar experimentelle physikalische Forschung. Ich frage mich, wie das ausgesehen haben muss: „Kumma, Wolle, kumma! Beton brennt doch, wa!“

Auch der Bürgermeister, der sich mir kurz nach meinem Umzug auf der Straße vorgestellt hatte, schien experimentierfreudig zu sein.
Er rief: „Ich bin der Oberbürgermeister von Bochum.“
Ich dachte: „Oh, hallo!“
Er rief: „Und ich sage euch!“
Ich dachte: „Ja?“
„Wahrlich, ich sage euch! Ich kotz mir in den Mund!“
„Oh.“
„Wahrlich, Ich kotz alles voll.“
„Üah.“
„Und weiterhin: Alle machen die Beine breit, auch die Männer!“
„Auch die Männer?“
„Auch die Männer!“
Am nächsten Tag googlete ich den Bürgermeister Bochums und fand heraus, dass Bochum zu dem Zeitpunkt eine Bürgermeisterin hatte. Er hatte mich also kackendreist angelogen.

Aber egal, ob Verrückte, Eingefleischte oder Neuankömmlinge. Das Wunderbare am Ruhrgebiet ist, dass wirklich jeder willkommen ist. Es ist egal, wo du herkommst, wer du bist, was du machst. Wenn du im Herzen gut bist, wird dir Gutes widerfahren. Ein Kollege von mir, Jay Nightwind, hat mal in einem Text gesagt: „Unsere Herzen sind aus Kohle. Schmutzig, aber leicht zu entfachen.“ Ich sage: „Gib mir ein Streichholz und den richtigen Wind und das Feuer der Liebe wird auch über dich kommen.“ Okay, nein, das sage ich nicht. Aber das gesamte Ruhrgebiet ist ein Ort der Einkehr, ein Ort der Ereignisse und auch ein kleines Stückchen schwarzes Paris. Wie der Bochumer halt eben so sagt. Und mit Bochumer meine ich mich.

So jung kommen wir nicht mehr zusammen

Piep. Mitten in der Nacht schrecke ich hoch. Piep. Ein Geräusch, das ich so nicht kenne, – piep – lässt mich aus dem Schlaf fahren. Erst ist es nur ein – RRR – harmloses Piepen. Dann – RRR – fängt es an zu RRRattern. Na, immerhin tue ich es für einen guten Zweck.

Manchmal verlieren Menschen, wenn sie älter werden, das Gefühl für Worte. Sie kommen nicht hinterher und wer will es ihnen verübeln? Bei all den Anglizismen und Neologismen weiß selbst ich manchmal nicht, wo ich stehe oder ob ich eigentlich sagen müsste, dass ich mein standing nicht acknowledgen kann. Dementsprechend kann ich mir wohl kaum etwas Schrägeres vorstellen als meinen Großvater, der mir eine Ghettofaust gibt, während er „Nice, Alter!“ sagt, weil ich ihm erzähle, dass ich eine Gemüsesuppe für ihn gekocht hätte. Er gefiel mir gut, wie er grummelnd am Tisch saß und die Kartoffeln noch Erdäpfel nannte.

So generell mag ich altbackene Sprüche ja. Sie versuchen nicht, eine Tatsache zu umschreiben, sondern sagen, wie es ist. Am meisten mochte ich dabei immer das Sprichwort: „So jung kommen wir nicht mehr zusammen.“ Ein Totschlagargument.

Immer wenn mein Vater mich mit zu seinem Skatklub nahm und ein älterer Herr das als Trinkspruch zu mir gesagt hatte, wusste ich nicht, ob er seiner Jugend hinterhertrauerte oder dem Tod sogar schon ins Auge sah. Da mich diese Situationen meist überforderten, hatte ich mir angewöhnt, als einzige Antwort darauf zu entgegnen: „Na, einige sagen so. Andere sagen so.“ Oft wussten diese betagten Männer dann, dass ich eigentlich einer von ihnen war, leider im falschen Körper und fünfzig Jahre zu spät geboren, aber dennoch klopften sie mir oft auf die Schulter und sagten so etwas wie „Guter Junge“ oder „Na also“, was wohl der Ghettofaust und dem „Nice, Alter“ ihrer Generation entsprach.

Traurig wird es erst, wenn man sich selbst dabei ertappt, gewisse Wendungen nicht zu kennen. Es wäre ein Fauxpas, ein absolutes No-Go, in einer Gruppe aus jungen Menschen zu fragen, was sie eigentlich meinen, wenn sie sagen, dass Sascha ein Whacko ist und überhaupt nicht real. Eher lächelt man vorsichtig mit, lacht kurz auf und googlet dann Zuhause nach, dass Sascha ein qualitativ minderwertiger Mensch ist und überhaupt total affektiert. Das kann einem bei älteren Menschen genauso passieren. Letztens sagte jemand nach einem Slam zu mir, dass ich schon noch jovial wäre, meine Texte dafür rhetorisch umso progressiver. Ich lächelte vorsichtig mit, lachte kurz auf und als ich später zuhause rhetorisch googlete, stand noch Whacko in der Kopfleiste meiner Suchmaschine.

Der Spagat ist riesig. Wenn man sich gegen moderne Wendungen wehrt, ist man ein Konservativer, ein Sprachnazi wird man genannt, der die natürliche Entwicklung einer Sprache nicht anerkennt. Doch wenn man sich nur noch in neuen Wendungen ausdrückt, werden die alternden Menschen irgendwann nicht mehr hinterherkommen, sie werden sich überhaupt nicht mehr mit den jüngeren Menschen unterhalten wollen und hätten das Gefühl, man verstehe sie nur noch in ihrem Bingoverein, im Tabakladen und auf 3Sat.

Das wäre ein fataler Einschnitt in die Entwicklung der Gesellschaft. Wo sollen die jungen Generationen ‚Lebensweisheit‘ aufnehmen? Wer erklärt ihnen, was für ein toller Mensch Dieter Hildebrandt eigentlich war und wer schenkt ihnen Jazzplatten aus den 20er Jahren? Wer sagt jetzt noch, dass früher alles besser war und erinnert dabei an so wichtige Erfindungen wie die Spitzendecke, die Minidisk und das Faxgerät?

Nein, im Ernst. Es wäre schade um Gedankengut und Ideen, Weisheit und Tugenden. Deswegen sage ich manchmal noch, dass ich gerne ein Dutzend Brötchen hätte, dass ich es fabulös finde, wie die Sause ihren Zenith erreicht und dass wir so jung halt einfach nicht mehr zusammenkämen. Jeder Abschnitt einer Geschichte ist wichtig und so haben die Generationen vor uns die Sprache genauso verändert, wie wir es jetzt tun. Sie haben den „Dummkopf“ salonfähig gemacht und trauten sich, ihren Chef sogar Idiot zu nennen. Das war damals schon exorbitant oder krass.

Mein Vater hat sich jetzt ein Faxgerät gekauft. Er meinte, es wäre an der Zeit, sich der modernen Technik zu stellen und sich ein Faxgerät zu kaufen, doch er vergaß dabei, dass spätestens seit der Jahrtausendwende kein Mensch mehr faxt. Weil man gute Mühen aber ja mit Zuspruch belohnen muss, habe ich leicht gelächelt und heftig genickt, als er mich fragte, ob ich ihm zurückschreiben würde, wenn er sich ein modernes Computergerät zum Verschicken von Briefen zulegen würde. Ich dachte dabei an einen Computer und E-Mail-Postfach, doch es wurde ein Faxgerät und der Verkäufer im Laden hatte ihm versichert, es wäre das Beste und Neueste auf dem Markt und würde den Preis von 400 Euro auch absolut rechtfertigen.

Was meine Faxnummer wäre, fragte er mich. Ich hätte keine Ahnung, sagte ich und googlete später zuhause nach Faxgeräten. Natürlich kam ich nicht drumrum, mir auch eins zu besorgen, dass jetzt in meinem WG-Zimmer steht. Jetzt schrecke ich mitten in der Nacht oft hoch. Piep. Ein Geräusch, das ich so nicht kenne, – piep – lässt mich aus dem Schlaf fahren. Erst ist es nur ein – RRR – harmloses Piepen. Dann – RRR – fängt es an zu RRRattern. Bis die gesamte – RRR – WG wach ist. Meine Mitbewohnerin wurde auch geweckt, kommt rüber und zieht den Stecker. „Nicht cool, Alter“, sagt sie. „Na, immerhin tue ich es für einen guten Zweck“, sage ich und gebe ihr eine Ghettofaust.

es steht noch in den sternen (für p.l., denk an mich beizeiten)

Es steht noch in den Sternen.

Die im Kolonialstil flüchtig gezeichneten Häuserreihen im Zentrum dieser Stadt bleiben wohl Fassade, als hätte man sie aufgestellt, um dieser Geschichte eine Räumlichkeit zu bieten und dennoch: Ich werde das Gefühl nicht los, als hätte es so etwas in keiner anderen Stadt geben können.

Alles begann damit, wie ich mich aufs Fahrrad schwang und trampelte, als hätten mich alle guten Geister verlassen, über Kopfsteinpflaster und schlecht asphaltierte Fußwege, wie mit Hummeln und unter Starkstrom. So zogen sie an mir vorbei, die im Kolonialstil, etc. Ich atmete den Fahrtwind ein, und dachte: Gut geht’s mir, die Sonne scheint, das Fahrrad fährt sich quasi von alleine, durch die Straßen und ich atme Fahrtwind ein.

Berlin ist seit jeher als hässliche Stadt bekannt. Die Perle an der Spree zeichnet sich nunmal durch andere Auszeichnungen aus, sie beweist ihren Charme mit anderen Charmebeweisen und sticht eben mit anderen Merkmalen hervor. So zum Beispiel seine Menschen. Obwohl, naja, Berliner sind dreckig, sie stinken sogar meistens und wirklich nett ist die Berliner Art auch nicht. Aber man achtet aufeinander, zumindest ab und an. Vielleicht ist es auch das kulturelle Angebot, dass in seiner Hülle und Fülle gar nicht aufzunehmen ist, so viel Kultur gibt es in Berlin, Kultur von der man meist gar nicht weiß, ob man sie wollte.

So hing ich also so übers-Fahrrad-geschwungen auf Halbmast im Sattel und trampelte wie ein Verrückter vorbei an Kolonial, Charme, Kultur, usw. und die Spree glitzerte und zauselte ihre Strähnen blitzlichtgewittrig und ich staunte und wurde geblendet und freute mich, denn es war alles gut, wie ich hier so den Fahrtwind einatmete.

Bis ich zurückdachte an den Grund meiner Reise (von einer REISE lässt sich hier kaum sprechen, also spreche ich von einer Reise, denn weit war es nicht, ich verließ im Grunde genommen nicht mal mein Kiez, aber ich bewegte mich doch fort und also reiste ich, aber nicht weiter als gewöhnlich zum Friseur o.ä.). Ich reiste also nicht des Reisens willen, des schönen Wetters, der Reflexionen der Strahlen der Spree auf meinen strammen Waden, nicht wegen der Ausdauer und des Fahrtwinds, sondern weil ich dich überraschen wollte. Jetzt, wo du das liest, wirst du überrascht sein, doch das war nicht die Überraschung, auf die ich aus war, vielmehr ging es darum, dich einzuholen, ohne dass du es bemerkst.

Wie genau?

Genau so:

Mein Plan war es, als du mein Haus verlassen hattest, meinen Helm überzustreifen und über den Hinterausgang mit meinem Fahrrad die Pücklerstraße entlangzubrausen, ja, brausen, weil ich wusste, dass du über die Köpenicker nach Hause laufen würdest. Also ich: Pücklerstraße, dann links Wrangelstr., Schlesisches Tor und zack: Heckmannufer.

Warum genau?

Genau deshalb:

Es steht noch in den Sternen, das mit uns.

Ich mag es fest machen. Festzurren, es zu Ende bringen, mich in Sicherheit wiegen können, usf. Ich bin nur ein einfacher Mann und weiß nicht, was Liebe ist, aber ich weiß, dass ich mich wiegen mag, in der Sonne, an der Spree im Fahrtwind, am liebsten mit dir. Auf Zukunft vergewissert den Kolonialstil bestaunen, dachte ich so, auf Halbmast in Berlin hängend.

Ich zitterte wie Espenlaub, so sagt man ja, als ich in die Wrangelstraße einbog. Noch kurz zuvor hatte ich etwas wie die Komplexität aller Dinge umgangen und mich aller Formalitäten entledigt. Ich war. Um mehr ging es nicht, schneller hätte ich noch sein können, aber es ging. Ich meine, schneller als du wäre ich in jedem Fall, sollte nichts dazwischenkommen, kein Unfall, eine Unterbrechung, das Treffen eines Bekannten, dergleichen dazwischenkommen. Ja, wie ich brauste! Es war ein gutes Gefühl, irgendwie Dopamine, Glücksgefühle, wie der Volksmund so sagt, ja, kann man durchaus so sagen, wie sie einen nur überfallen, wenn man im Zuge ist, jemanden zu überraschen. Erregt war ich auch, erregt bezüglich der Tatsache, es jetzt festmachen zu können mit dir, mit uns und ich trampelte und brauste und war. Um mich herum Kolonialstil und Spätkäufe, ein Paar, das sich stützt, hier ein Kinderwagen, ein Pfandsammler, dort. Sympathisch, das war Berlin, der Ausdruck, den ich gesucht hatte, als ich sagte, Berlin wäre schön, nicht wie ein Mensch, oder doch schon, aber nicht so impulsiv, gleichbleibend monoton in seiner gutmütigen Simplizität. Hach, wie es mich beflügelt, ich bin aufgeregt und vorfreudig und sogar Berlin kommt mir heute irgendwie – ja – empfänglicher vor.

Es ist ein Gefühl, das mich überkommt, ähnlich dem Gefühl, das Besitz von jemandem begreift, wenn er auf Familienfeiern bemerkt, dass ihn das übermäßige Stopfen der Lebensmittel anwidert. Die ganze Familie widert einen an, bei wem es sich anders fügt, der darf sich oberflächlicherweise glücklich schätzen, ich würde sagen: Er hat keinen Verstand. Zu streng möchte ich nicht sein, auch ich möchte Familie haben, wenn die Zeit sich anders fügt, es gibt widerlichere Dinge als die Treffen zum Abspulen monotoner Bekundungen. Zum Beispiel wurde ich letztens Zeuge einer Herzlosigkeit. Nicht, dass das im Berlin der Neuzeit ein erwähnenswertes Spektakel wäre, aber jetzt wo die Spree so funkelt und ich so trampele, wird mein Hirn mit Sauerstoff versorgt, das ich für Herzlichkeit verbrauche. Ironie des Schicksals. Wie auch immer, wo war ich?, Herzlosigkeit. Sie beginnt am Bahnhof. Ein wirklich verliebtes Paar muss man sich vorstellen, sie hatte eine Reisetasche dabei, er hatte sie wie ein Gepäckstück dabei und führte sie ans Gleis, wir standen gemeinsam – ich: Der unsichtbare Dritte, in einem Dreieck der Nähe – wir wussten doch: wir würden alle in den selben Zug einsteigen. Als er dann einfuhr und zum Stehen kam, standen wir uns am Gleis gegenüber – man hält die Tür sogar in Berlin frei – und er sah sie verliebt an, wie ich selten jemanden habe verliebt gucken sehen. Höchstens im Ruhrgebiet.

Er sah sie an und lächelte, er fuhr ihr über die Schulter, das widerte mich auch schon auf eine obskure Art und Weise an, aber es passierte nunmal, erwähnte ich, dass es nieselte?

So will ich niemals enden, so enden Familienfeiern, es steht noch aus, dass ich alt werde, also lasst mich jung sein und träumen und haltet – verdammt nochmal – den Fahrradweg frei. Ich komme.

Ich mag das immer nicht, hattest du gesagt. Ich musste lachen, du hattest mich nicht verstanden. Nicht verstanden ist zu hart gesprochen, du hattest es höchstens geahnt, naja, geahnt hattest du es schon, aber du wusstest es nicht. Du warst nicht in der Materie wie ich und mit Materie meine ich meine Gedanken. Ich stand also da, lachend, im Nieselregen, als ich ankam, vor dem Bahnhof und du hattest etwas gesagt, dass mich dazu brachte, so zu stehen und dir anzusehen, dass du es ahnst, aber es eben nicht weißt. Du allerdings warst schlagfertiger und brachtest meine Fingerspitzen in Wallungen, als du mein Lachen erwidertest. Jetzt steht es hier in Buchstaben und mein Lachen verstummt, während der Tropfen auf meinen Wangen mäandert, fällt und zack –

Das warst du. Sentimental und romanhaft, wie wir beide durch die Welt streiften, auf Halbmast segelten wir so durch die Sätze und ich sah dich an und du erklärtest, ich schwieg und es wurde eine Passage in der Exposition der seltsamen Einfachheit unserer Liebe. Hach, die Liebe, ich möchte gar nicht über sie schreiben, aber ich glaube, Liebe ist die beste Beschreibung für eine Fahrradfahrt an der Spree entlang, abgebogen, weitergefahren, man lässt die Gedanken so schweifen, ist, auf Reisen, auf Halbmast, durchs All, wo es irgendwo steht, das mit uns, ich greife es – deine Türklinke, das mit uns – komme ins Wanken und falle. Tiefer und tiefer, in ewigen Dimensionen, die Kacheln im Flur, Berlin ist so empfänglich für Kitsch, hoch und die Klingel, tiefer falle ich und schon merke ich, wie du aus einem anderen Orbit in meinen Horizont klatschst und da pappen wir beide und schon, im Liebestanz der Hummeln, sind wir im Kolonialstil festgezurrte Zukunft.

Wow, so schön hatte ich mir das gar nicht vorgestellt.

für eine Nacht

es klingt zunächst sehr traurig

doch der mann im frack der freitags

immerzu und wohl besonnen

stränen in den herbstwind warf

hat sich in zuversicht verloren

nicht unheilbar aber krank nennt man ihn

den weisen der nicht sprach, doch.

seit der bach in eis zerrinnt

ist er sprache in der zeit in

den kronen nur noch schweigen

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für j.

ein taubes paar am ufer schweigt zu rauschen
ihre tochter lacht das wort steht noch im raum
wie umbra der häher das leuchten ein
prisma aus der stille um den schnee
dann ein echo dann ein blick dann ein punkt

wer versteht schon das singen des winters
einen satz macht leicht das kind auf nassen sand
wie braun kann wie stumm ein tropfen vereisen
der himmel obsolet in diesem fall nur weil
wir sind steigt das rascheln der linden
in melodien dieser szene zur ewigkeit ein

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das ende des letzten märtyrers der liebe: jakob e.

hier passiert seit jahren kaustisches:
voyeure machen zähgekaute witze
im velour begegnete feline der zeit
auf trassen zieht in violetten tüll gehüllt
ein fänger seine flöte durch den regen
da! spalier steht jetzt der ober-
bürgermeister vis-à-vis mit headshot-jack

déjà-vu: geboren in unserer stadt
das schießen an streunern gelernt
hielt headshot-jack um felines hand
im hof des königs der dachse
feline: enterbt und geschändet
jack: mit ner knarre vor walter

wie es dazu kam (I):
DIE ZEIT WURDE ENTFÜHRT

f. – den namen nicht mehr wert –
sandt jack aus den gauner zu stellen
es muss OB walter der hund schuldig sein

wie es dazu kam (II):
(aus unendlich inniger liebe)
EIN SCHIESSDUELL ZWISCHEN ZWEI MÄNNERN

was noch passieren wird:
voyeure halten kurz den atem an
auf trassen ziehn in stille luft gehüllt
zwei schüsse durch den regen
dass der fänger die flöte zum abschied erhebt
da! spalier steht jetzt der ober-
halb der wolken festgemachte schwur

im starren gesicht ihres lieblings
erkennt feline die zeit